Prof. Dr. Manfred Cordes

Professor für Musiktheorie, Kontrapunkt, Ensemble

 und  Rektor der Hochschule für Künste Bremen

Liebfrauenkirche - Bremen (D)

Klaviatur: CDEFGA - c’’’

 

1. Principale (8’)

2. Flauto stoppo 8'

3. Ottava

4. Quintadecima

5. Flauto in duodecima

6. Fiffaro

 

Transposer:  415 / 440 / 466 Hz

Im Jahre 2008 erreichte uns aus Tokio die erste Anfrage, eine kleine Orgel zu bauen, auf der das traditionelle italienische Repertoire adäquat darstellbar ist. Das Instrument sollte transportabel und auch zum Verleihen geeignet sein, was eine Lösung erforderlich machte, die Gewicht und Abmessungen deutlich beschränkte.
Alsbald begannen die Forschungen nach einem historischen Vorbild, das von seiner Disposition und Bauart als vollwertig bezeichnet werden konnte und dennoch die obigen Anforderungen erfüllte. Nach der Untersuchung und Auswertung verschiedener Instrumententypen fiel die Entscheidung, als Ausgangspunkt eine sog. „Prozessionsorgel“ zu nehmen, ein Instrument also, das im Zuge von Prozessionen verwendet wurde. Die Besonderheit dieses Orgeltypus bestand darin, dass neben den Pfeifen auch alle anderen Funktionsteile der Anlage innerhalb eines ver-hältnismäßig kleinen Gehäuses unterzubringen waren, die Tastatur mit ihrer Stechermechanik befand sich also direkt oberhalb der Windlade, die Registerzüge seitlich, quasi als Verlängerung der Schleiflade, zwei Bälge – von Hand zu bedienen – waren oben auf dem Kasten montiert. Schließlich schützten zwei Türen den empfindlichen Inhalt des Gehäuses bei Transporten. Wahrscheinlich wurden diese Instrumente wie eine Sänfte von mehreren (aufgrund des Ge-wichts mindestens vier) Männern getragen, während der Organist in deren Mitte mitlief und dabei spielte; ein originaler Unterbau oder Sockel ist jedenfalls nirgends erhalten. Für diese An-nahme sprechen auch die stabilen Handgriffe an den Seiten, durch die lange Holzstangen ge-führt werden konnten, die der Orgel und dem Trägerzug eine gewisse Stabilität verliehen.

Auf der Suche nach einem konkreten Vorbild fiel unser Blick auf die erhaltenen Instrumente des im hohen Norden Italiens heimischen Orgelbauers Carlo Prati (1617-1700), einer bemerkens-werten Persönlichkeit: wirkte er doch im Veltlin (Valtellina), also in einem Grenzgebiet mitten in den Alpen, und brachte somit italienische Einflüsse mit „transalpinen“, also von nördlich der Alpen stammenden, auf intelligente Weise zusammen. Reste einer solchen Prozessionsorgel1) von diesem Carlo Prati sind in dem kleinen Ort Ponte in Valtellina erhalten, von einer weiteren Orgel aus seiner Werkstatt, gebaut für den Ort Brancolino (Trentino), ist der Prospekt unverän-dert erhalten.2)
Was von dem ersten hier genannten Instrument übrig geblieben ist, erwies sich paradoxer-weise als besonders hilfreich, gerade weil es so zerstört war, denn hier konnten wir Windlade, Tastatur, Windkanäle und Bälge genauestens untersuchen. Auch wenn – bis auf einige wenige Reste – die Pfeifen nicht mehr erhalten waren, konnten wir deren Abmessungen ziemlich genau bestimmen, da die Bohrungen des erhaltenen Lederrasters3), das sich bei diesem Orgel-typus oberhalb, und nicht unterhalb der Labien befindet, den Durchmesser der jeweiligen Pfeifen genau widerspiegeln. Auf diese Weise konnten die Maße – gelegentlich überprüft und korrigiert anhand von Messungen an verwandten Instrumenten – recht genau ermittelt wer-den. Auch die Verwendung spezieller Materialien und der dazugehörigen Handwerkstechniken waren Gegenstand unserer Untersuchungen, um diese auch bei einer neuen Orgel anzuwen-den. Schließlich waren diese Resultate in Einklang zu bringen mit den spezifischen Vorgaben des Auftraggebers, dabei stand die weitest gehende Beibehaltung originaler Materialien und Konstruktionsweisen im Vordergrund.

Carlo Pratis Orgel in Ponte in Valtellina wies folgende Register auf: Principale (8‘), Ottava (4‘), Quintadecima (2‘), Decima nona (1 1/3‘), Vigesima seconda (1‘), Fiffaro (Voce umana). Es war mit diesem kompletten und klangvollen Plenum eindeutig für den Gebrauch im Freien ausge-legt. Durch den Austausch der beiden höchsten Pfeifenreihen (1 1/3‘ und 1‘) zugunsten einer Flauto in Duodecima (2 2/3‘) erhielten wir ein Instrument, das das „klassische“ italienische Repertoire perfekt wiederzugeben in der Lage ist: Prinzipalregister von 8‘ bis 2‘ mit zusätzlich einer Flöte und dem typischen Soloregister Fiffaro (Voce umana).
Gegenüber dieser für Tokio gelieferten Version sollte das für Bremen zu fertigende Instrument nun zusätzlich ein 8-füßiges gedacktes Holzregister erhalten, damit es auch zur Basso-Continuo-Begleitung herangezogen werden kann, einen Bordone di legno. Das Unwahrscheinliche und Unerwartete geschah: wir fanden eine dritte Prati-Orgel in Südtirol4), in der unser Meister den jenseits der Alpen herrschenden Geschmack mit dem italienischen „Kernbestand“ verschmol-zen und ein Instrument geliefert hat, das auf einen Holzgedackt 8‘ anstelle eines Prinzipal 8‘ basiert ist. Und das, obwohl gedeckte Pfeifen aus Holz damals nicht gerade hoch im Kurs stan-den und auch nicht mit den Grundregeln italienischen Orgelbaus, wie sie etwa von Costanzo Antegnati (1608) oder Antonio Barcotto (1652) beschrieben sind, im Einklang standen. Dieses ist nur eines von mehreren Wagnissen, die Prati einging, der in immer stärkerem Maße auch Aliquot-Register wie Cornetto (Terzmixtur) oder Sesquialtera integrierte, die er teils durch sei-nen Lehrer Giovanni Rogantino in unmittelbarer Nähe zur Schweiz vermittelt bekam, ferner durch die Ankunft des flämischen Orgelbauers Willem Hermans in Italien und, noch deutlicher, durch das Vorbild der Orgel am Dom zu Como (1650). In dieser Hinsicht bildete das Werk des „Grenzgängers“ Carlo Prati ein ideales Vorbild für ein vielseitig einsetzbares Instrument.

Als weitere Anpassungen an den modernen Gebrauch wurden die beiden früher auf dem Pfei-fenkasten befindlichen und per Hand zu bedienenden Schöpfbälge ersetzt durch einen Motor und einen Keilbalg, die beide im – aus Nussbaum gefertigten – Sockel untergebracht sind. Um die Flexibilität für verschiedene Einsatzmöglichkeiten des Instrumentes zu erhöhen, ist die Tastatur5) verschiebbar und ermöglicht damit das Spiel in verschiedenen Stimmtonhöhen: 415 (barocker „Kammerton“), 440 (moderne Stimmtonhöhe) und 466 („Chorton“). Dabei stellte die sog. „kurze Oktave“ (das Fehlen der tiefsten vier Halbtöne Cis, Es, Fis und Gis), wie sie auf den meisten Orgeln um 1600 anzutreffen ist, für die Erbauer eine besondere Herausforderung dar. Es handelt sich also nicht um die 100%ige Kopie eines Originalinstrumentes, sondern um einen Neubau im Geiste des norditalienischen Orgelbaus des 17. Jahrhunderts unter Anwendung tra-ditioneller Materialien und Handwerkspraktiken.
Bei der Anfertigung der Einzelteile haben wir streng auf die Einhaltung dieser Vorgaben geach-tet: die inneren Pfeifen sind aus reinem Blei, gegossen auf Sand (nicht gewalzt!) und anschlie-ßend gehämmert6), während die Prospektpfeifen eine 90%ige Bleilegierung aufweisen und von Hand bearbeitet und poliert sind. Das Gehäuse ist aus massivem Nussbaum7), bearbeitet nach alten Techniken, versehen mit Beschlägen aus handgetriebenem Eisen, das Schnitzwerk aus einem Stück von Hand gefertigt, ohne maschinelle Hilfen. Die Windlade8) ist komplett aus Nuss-baum gefertigt, nur der Boden des Windkastens9) besteht – wie bei den originalen Vorlagen – aus Tanne.
Auf die Verwendung jeglicher „Ersatzmaterialien“ wie z.B. Sperrholz wurde bewusst und kon-sequent verzichtet. Die Pfeifen des Bordone sind aus Lärchenholz hergestellt10), das aus nach traditioneller Methode „gevierteilten“ Stämmen entnommen ist. Die traditionelle Zweiteilung des Unterlabiums („Vorschlag“) ist dagegen bewusst unterblieben,
um die Funktionstüchtigkeit des Instruments auch bei Feuchtigkeitsschwankungen oder Transporten nicht zu gefährden. Für die Tastatur wurden Hebel aus Nussbaum verwendet, belegt mit Buchsbaum für die Unter-, mit Nussbaum für die Obertasten; die Tastenfronten haben die Form einer „offenen Schnecke“. Die inneren Metallpfeifen sind mit Stimmringen versehen, die den Einsatz der Orgel in verschiede-nen Stimmungen ermöglichen; die Pfeifen „sprechen“ unterhalb des Rasterbretts, das leicht durch Holz verstärkt wurde (die Raster“bretter“ der Vorlagen bestehen aus reinem Rindsleder). Auch die Prospektpfeifen weisen – allerdings von außen nicht sichtbare – Stimmringe auf. Man kann dadurch das Fiffaro-Register leicht schwebend einstimmen, oder es auch im unisono zum Prinzipal für die Verstärkung des Diskants einsetzen. Die Intonierung des Instruments erfolgt
nach alter Sitte bei voller Fußöffnung, mit äußerster Sparsamkeit in der Verwendung von Kern-stichen, um eine maximale Sensibilität im Anschlag der Tasten zu gewährleisten.
Wir haben uns über den Auftrag aus der ehrwürdigen Hansestadt Bremen sehr gefreut und hoffen, dass diese Orgel nicht nur allen an sie gestellten Anforderungen gerecht wird, sondern als klingendes Beispiel italienischer Musik- und Handwerkskultur über viele Jahre zur Bereiche-rung des musikalischen Lebens in der Stadt einen wichtigen Beitrag leistet.
 

Giovanni Pradella Bottega Organara,
Berbenno di Valtellina (IT), settembre 2011.
Übersetzung M. Cordes

 

 

Konzert zur Einweihung der italienischen Orgel

5 Ottobre 2011

Unser Lieben Frauen Kirche Bremen

 

Edoardo Bellotti - Orgel solo

 

Gebhard David - Zink

Margret Hunter - Sopran

Mirko Ludwig - Tenor

Jorge Martinez Mendoza - Bass

Detlef Bratschke - Orgelcontinuo

 

 

Foto costruzione

 

CASSA

    

   

 

 

        

 

SOMIERE

 

 

 

 

TASTIERA

   

 

 

CANNE