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Im Jahre 2008 erreichte uns aus Tokio die
erste Anfrage, eine kleine Orgel zu bauen, auf der das traditionelle
italienische Repertoire adäquat darstellbar ist. Das Instrument sollte
transportabel und auch zum Verleihen geeignet sein, was eine Lösung
erforderlich machte, die Gewicht und Abmessungen deutlich beschränkte.
Alsbald begannen die Forschungen nach einem historischen Vorbild, das
von seiner Disposition und Bauart als vollwertig bezeichnet werden
konnte und dennoch die obigen Anforderungen erfüllte. Nach der
Untersuchung und Auswertung verschiedener Instrumententypen fiel die
Entscheidung, als Ausgangspunkt eine sog. „Prozessionsorgel“ zu nehmen,
ein Instrument also, das im Zuge von Prozessionen verwendet wurde. Die
Besonderheit dieses Orgeltypus bestand darin, dass neben den Pfeifen
auch alle anderen Funktionsteile der Anlage innerhalb eines
ver-hältnismäßig kleinen Gehäuses unterzubringen waren, die Tastatur mit
ihrer Stechermechanik befand sich also direkt oberhalb der Windlade, die
Registerzüge seitlich, quasi als Verlängerung der Schleiflade, zwei
Bälge – von Hand zu bedienen – waren oben auf dem Kasten montiert.
Schließlich schützten zwei Türen den empfindlichen Inhalt des Gehäuses
bei Transporten. Wahrscheinlich wurden diese Instrumente wie eine Sänfte
von mehreren (aufgrund des Ge-wichts mindestens vier) Männern getragen,
während der Organist in deren Mitte mitlief und dabei spielte; ein
originaler Unterbau oder Sockel ist jedenfalls nirgends erhalten. Für
diese An-nahme sprechen auch die stabilen Handgriffe an den Seiten,
durch die lange Holzstangen ge-führt werden konnten, die der Orgel und
dem Trägerzug eine gewisse Stabilität verliehen.
Auf der Suche nach einem konkreten Vorbild fiel unser Blick auf die
erhaltenen Instrumente des im hohen Norden Italiens heimischen
Orgelbauers Carlo Prati (1617-1700), einer bemerkens-werten
Persönlichkeit: wirkte er doch im Veltlin (Valtellina), also in einem
Grenzgebiet mitten in den Alpen, und brachte somit italienische
Einflüsse mit „transalpinen“, also von nördlich der Alpen stammenden,
auf intelligente Weise zusammen. Reste einer solchen Prozessionsorgel1)
von diesem Carlo Prati sind in dem kleinen Ort Ponte in Valtellina
erhalten, von einer weiteren Orgel aus seiner Werkstatt, gebaut für den
Ort Brancolino (Trentino), ist der Prospekt unverän-dert erhalten.2)
Was von dem ersten hier genannten Instrument übrig geblieben ist, erwies
sich paradoxer-weise als besonders hilfreich, gerade weil es so zerstört
war, denn hier konnten wir Windlade, Tastatur, Windkanäle und Bälge
genauestens untersuchen. Auch wenn – bis auf einige wenige Reste – die
Pfeifen nicht mehr erhalten waren, konnten wir deren Abmessungen
ziemlich genau bestimmen, da die Bohrungen des erhaltenen
Lederrasters3), das sich bei diesem Orgel-typus oberhalb, und nicht
unterhalb der Labien befindet, den Durchmesser der jeweiligen Pfeifen
genau widerspiegeln. Auf diese Weise konnten die Maße – gelegentlich
überprüft und korrigiert anhand von Messungen an verwandten Instrumenten
– recht genau ermittelt wer-den. Auch die Verwendung spezieller
Materialien und der dazugehörigen Handwerkstechniken waren Gegenstand
unserer Untersuchungen, um diese auch bei einer neuen Orgel anzuwen-den.
Schließlich waren diese Resultate in Einklang zu bringen mit den
spezifischen Vorgaben des Auftraggebers, dabei stand die weitest gehende
Beibehaltung originaler Materialien und Konstruktionsweisen im
Vordergrund.
Carlo Pratis Orgel in Ponte in Valtellina wies folgende Register auf:
Principale (8‘), Ottava (4‘), Quintadecima (2‘), Decima nona (1 1/3‘),
Vigesima seconda (1‘), Fiffaro (Voce umana). Es war mit diesem
kompletten und klangvollen Plenum eindeutig für den Gebrauch im Freien
ausge-legt. Durch den Austausch der beiden höchsten Pfeifenreihen (1
1/3‘ und 1‘) zugunsten einer Flauto in Duodecima (2 2/3‘) erhielten wir
ein Instrument, das das „klassische“ italienische Repertoire perfekt
wiederzugeben in der Lage ist: Prinzipalregister von 8‘ bis 2‘ mit
zusätzlich einer Flöte und dem typischen Soloregister Fiffaro (Voce
umana).
Gegenüber dieser für Tokio gelieferten Version sollte das für Bremen zu
fertigende Instrument nun zusätzlich ein 8-füßiges gedacktes
Holzregister erhalten, damit es auch zur Basso-Continuo-Begleitung
herangezogen werden kann, einen Bordone di legno. Das Unwahrscheinliche
und Unerwartete geschah: wir fanden eine dritte Prati-Orgel in
Südtirol4), in der unser Meister den jenseits der Alpen herrschenden
Geschmack mit dem italienischen „Kernbestand“ verschmol-zen und ein
Instrument geliefert hat, das auf einen Holzgedackt 8‘ anstelle eines
Prinzipal 8‘ basiert ist. Und das, obwohl gedeckte Pfeifen aus Holz
damals nicht gerade hoch im Kurs stan-den und auch nicht mit den
Grundregeln italienischen Orgelbaus, wie sie etwa von Costanzo Antegnati
(1608) oder Antonio Barcotto (1652) beschrieben sind, im Einklang
standen. Dieses ist nur eines von mehreren Wagnissen, die Prati einging,
der in immer stärkerem Maße auch Aliquot-Register wie Cornetto (Terzmixtur)
oder Sesquialtera integrierte, die er teils durch sei-nen Lehrer
Giovanni Rogantino in unmittelbarer Nähe zur Schweiz vermittelt bekam,
ferner durch die Ankunft des flämischen Orgelbauers Willem Hermans in
Italien und, noch deutlicher, durch das Vorbild der Orgel am Dom zu Como
(1650). In dieser Hinsicht bildete das Werk des „Grenzgängers“ Carlo
Prati ein ideales Vorbild für ein vielseitig einsetzbares Instrument.
Als weitere Anpassungen an den modernen Gebrauch wurden die beiden
früher auf dem Pfei-fenkasten befindlichen und per Hand zu bedienenden
Schöpfbälge ersetzt durch einen Motor und einen Keilbalg, die beide im –
aus Nussbaum gefertigten – Sockel untergebracht sind. Um die
Flexibilität für verschiedene Einsatzmöglichkeiten des Instrumentes zu
erhöhen, ist die Tastatur5) verschiebbar und ermöglicht damit das Spiel
in verschiedenen Stimmtonhöhen: 415 (barocker „Kammerton“), 440 (moderne
Stimmtonhöhe) und 466 („Chorton“). Dabei stellte die sog. „kurze Oktave“
(das Fehlen der tiefsten vier Halbtöne Cis, Es, Fis und Gis), wie sie
auf den meisten Orgeln um 1600 anzutreffen ist, für die Erbauer eine
besondere Herausforderung dar. Es handelt sich also nicht um die 100%ige
Kopie eines Originalinstrumentes, sondern um einen Neubau im Geiste des
norditalienischen Orgelbaus des 17. Jahrhunderts unter Anwendung
tra-ditioneller Materialien und Handwerkspraktiken.
Bei der Anfertigung der Einzelteile haben wir streng auf die Einhaltung
dieser Vorgaben geach-tet: die inneren Pfeifen sind aus reinem Blei,
gegossen auf Sand (nicht gewalzt!) und anschlie-ßend gehämmert6),
während die Prospektpfeifen eine
90%ige
Bleilegierung aufweisen und von Hand bearbeitet und poliert sind. Das
Gehäuse ist aus massivem Nussbaum7), bearbeitet nach alten Techniken,
versehen mit Beschlägen aus handgetriebenem Eisen, das Schnitzwerk aus
einem Stück von Hand gefertigt, ohne maschinelle Hilfen. Die Windlade8)
ist komplett aus Nuss-baum gefertigt, nur der Boden des Windkastens9)
besteht – wie bei den originalen Vorlagen – aus Tanne.
Auf die Verwendung jeglicher „Ersatzmaterialien“ wie z.B. Sperrholz
wurde bewusst und kon-sequent verzichtet. Die Pfeifen des Bordone sind
aus Lärchenholz hergestellt10), das aus nach traditioneller Methode „gevierteilten“
Stämmen entnommen ist. Die traditionelle Zweiteilung des Unterlabiums („Vorschlag“)
ist dagegen bewusst unterblieben, um
die Funktionstüchtigkeit des Instruments auch bei
Feuchtigkeitsschwankungen oder Transporten nicht zu gefährden. Für die
Tastatur wurden Hebel aus Nussbaum verwendet, belegt mit Buchsbaum für
die Unter-, mit Nussbaum für die Obertasten; die Tastenfronten haben die
Form einer „offenen Schnecke“. Die inneren Metallpfeifen sind mit
Stimmringen versehen, die den Einsatz der Orgel in verschiede-nen
Stimmungen ermöglichen; die Pfeifen „sprechen“ unterhalb des
Rasterbretts, das leicht durch Holz verstärkt wurde (die Raster“bretter“
der Vorlagen bestehen aus reinem Rindsleder). Auch die Prospektpfeifen
weisen – allerdings von außen nicht sichtbare – Stimmringe auf. Man kann
dadurch das Fiffaro-Register leicht schwebend einstimmen, oder es auch
im unisono zum Prinzipal für die Verstärkung des Diskants einsetzen. Die
Intonierung des Instruments erfolgt
nach alter Sitte bei voller Fußöffnung, mit äußerster Sparsamkeit in der
Verwendung von Kern-stichen, um eine maximale Sensibilität im Anschlag
der Tasten zu gewährleisten.
Wir haben uns über den Auftrag aus der ehrwürdigen Hansestadt Bremen
sehr gefreut und hoffen, dass diese Orgel nicht nur allen an sie
gestellten Anforderungen gerecht wird, sondern als klingendes Beispiel
italienischer Musik- und Handwerkskultur über viele Jahre zur
Bereiche-rung des musikalischen Lebens in der Stadt einen wichtigen
Beitrag leistet.
Giovanni Pradella Bottega Organara,
Berbenno di Valtellina (IT), settembre 2011.
Übersetzung M. Cordes
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